Ni Hao!
„Ist er jetzt verrückt?“ Verrückt war ich schon immer ein bisschen. Aber das ist hier jetzt nicht das Thema, oder doch? Ich verbuche diese Aktion mal unter Neugier mit einem bisschen Nervenkitzel. Aber wovon rede ich überhaupt? Ok, also mal vom Anfang an:
Die meisten werden es ja wissen, ich bin seit nun fast einem Jahr als Trainee bei einem Maschinenbau-Unternehmen in Ratingen angestellt. Wie auch ich am Anfang werden nun einige denken „Was ist denn ein Trainee?“. Das muss ich nicht lange erklären, das haben schon andere gemacht. Bei Wikipedia heißt es -> Trainee
Damit wäre das schon mal geklärt. Und zu diesem Traineeprojekt gehört auch ein Auslandsaufenthalt. Und der wird nun in China sein. Um genau zu sein in Shanghai, wo sich einer von insgesamt 11 Standorten weltweit befindet. Shanghai selbst hat mit über 18 Millionen Einwohnern mehr als seine Hauptstadt Beijing und liegt damit auf Rang 10 der größten Metropolen.
So, nun wisst ihr worum es eigentlich geht. Und damit ich mich ein bisschen unterhalten und mit der Heimat verbunden fühle, werde ich für die Zeit im Land der Mitte meine Erlebnisse in Bild und Schrift festhalten. Los geht´s.
"Wo geht es denn überhaupt genau hin?"

(Zum Betrachten der Orte in Google Earth einfach auf das Bild klicken)
Samstag, 6. September 2008
Heute ist der große Tag. Auf nach China für mindestens 4 Wochen. Ich hatte zwar die letzte Nacht gut geschlafen, aber so langsam machte sich doch ein bisschen Nervosität bemerkbar. Insider wissen wie das bei mir aussieht ;o). Aber was soll´s, jetzt gab es kein zurück mehr. Also auf zum Flughafen, einchecken und der ganze Pi Pa Po und dann... ja dann stehste erst mal über ne Stunde auf´m Rollfeld und nix passiert. Außer, dass ein Flugbegleiter durch die Reihen tänzelte und versuchte den Leuten klar zu machen, dass sie ihren Anschlussflug verpassen. Dazu sollte auch ich zählen. Angeblich ging auch kein anderer Flug mehr ins Land der Mitte, somit sollte ich mich schon mal auf eine Nacht in Paris einstellen (hm, so ähnlich habe ich das schon mal gehört, aber wohl in einem anderen Zusammenhang). Irgendwann war ich dann doch im Land der Liebe angekommen, um mir dann nach einer weiteren Stunde des Wartens am Infoschalter sagen zu lassen, dass doch noch ein Flug um 23:15 Uhr geht. Cool, 7 Stunden auf dem Flughafen abhängen, wie wunderbar. Also erst einmal den Snack-Gutschein einlösen. Beim anschließenden schlendern durch die Hallen stand er plötzlich da: Unser Airport Scooter! Diese Gefährte zum Einsammeln der Koffertrollis sind z. B. von meiner Firma. Ich fand´s schon spannend die Vehicle mal in Aktion zu sehen. Und da ich ja Zeit ohne Ende hatte, guckte ich den Jungs mal ein bisschen beim Arbeiten zu. Und dann ging es auch irgendwann los. Boarding und - welch ein Wunder - wir starteten auch pünktlich.
Sonntag, 7. September 2008
Ca. 10.000 km, 11 Stunden und 2 grausige Mahlzeiten später landete ich auf dem Pudong-Airport in Shanghai. Die Befürchtung, dass ich wieder - wie bei meinem ersten Trip - die ersten Tage ohne meinen Koffer auskommen muss bewahrheiteten sich nicht. Nach einiger Zeit tauchte dieser brav aus den Untiefen des Flughafens auf. Noch flux die Sicherheitskontrolle hinter mir lassen und raus ging es in die Welt der unlesbaren Hinweisschilder und befremdlichen Essgewohnheiten. Hinter der Absperrung warteten auch schon zwei freundliche chinesische Kollegen mit einem Schild in der Hand. Und man glaubt es kaum, ich konnte es lesen. "Borkens Stefan ". Das sollte aber auch vorerst das Letzte sein. Die Beiden führten mich durch das Flughafenlabyrinth zum Auto und die erste Abenteuerfahrt stand mir kurz bevor. Wenn ich seit meinem Korea-Ausflug geglaubt habe, dort herrschen keine Verkehrsregeln, wurde ich nun eines besseren belehrt. Hier gibt es nämlich (auf den ersten Blick) keine! Die Fahrbahnmarkierungen geben nur grob die Fahrrichtung vor . Reichen die eingezeichneten Fahrspuren nicht aus, so macht man einfach noch eine auf, oder noch eine. Und wenn das noch nicht ausreicht, nimmt man den "Standstreifen". Rechts überholen ist vielleicht auch nicht erlaubt, es interessiert aber keinen. Man kann ja hupen, um die anderen vorzuwarnen, dass man sie jetzt abdrängt. Es wimmelt nur so von Fahrrädern und Rollern mit Elektromotor (anscheinend der neuste Trend hier). Diese haben auch im Dunkeln nur vereinzelt Licht an. Ist ja auch klar: das würde ja nur unnötig den Strom verbrauchen, den man viel sinnvoller zur Betreibung von ohrenbetäubenden Hupen einsetzen kann. Die einzige Regel, die zu gelten scheint ist: Derjenige mit der lautesten und konstant betätigten Hupe und dem geringsten Überlebenswillen ist hier der Sieger. Es geht hier wirklich um Millimeter! Ampeln machen das Straßenbild eigentlich nur bunter. Für 2- oder 3-rädrige Fortbewegungsmittel gelten sie sowieso nicht. Lediglich die Autos halten irgendwann mal an. Aber auch nur, wenn sie nicht zufällig rechts abbiegen wollen. Das geht nämlich auch bei rot. Quasi ein grüner Pfeil ohne grünem Pfeil. Den muss man sich denken. Und die Fußgänger, die eigentlich grün haben, gehen des Überlebenswillen freiwillig an die Seite. Das soll sich jetzt nicht so anhören, als wolle ich das schlechtreden. Nein, ich finde es einfach nur spannend, dass das so funktioniert.
Im Hotel angekommen erwartete mich die nächste Überraschung. Gastfreundlich und zuvorkommend wie sie sind , hatten sie natürlich eines der besten Zimmer für mich organisiert. Es war auch sehr geräumig, hatte eine Badewanne und Flat-TV. Aber ich vermute ihr könnt meinen ersten Eindruck mit mir teilen... . Auch die direkte Verkehrsanbindung und das Facelifting des Stadtbildes sollte nicht zum Vorteil für mich sein . So konnte ich mir das Einschlaf-Fernsehprogramm und auch den Wecker am Morgen sparen. Grund dafür war ein Abrisskomando auf der anderen Straßenseite, die mich am Abend bis 23 Uhr und morgens ab 5 Uhr mit konstanten 100 dB "Bupp bupp bupp" gut unterhalten haben.
Samstag, 13. September 2008
An diesem Samstagmorgen haben mich Steven, Ivan und Ivan´s Freundin Amy zu einem Ausflug nach Pudong , dem neueren Stadtteil von Shanghai, eingeladen. Pünktlich wie die Maurer standen sie um 10 Uhr vor meinem Hotel. Eigentlich ist es nicht weit nach Pudong, vielleicht 15 km. Aber da hier jeder statistisch gesehen jeder 2 Autos gleichzeitig fährt, ist es dem entsprechend gut gefüllt auf den Straßen. So braucht man dann 15 km schnell mal 1h 20min. Zunächst gab es eine kleine Stadtrundfahrt und der Shanghainese Ivan (das Pendant zu "Köllner" oder "Erkelner") hat mir alle Sehenswürdigkeiten, die auf dem Weg lagen, erklärt. Nebenbei ist er auch noch Auto gefahren. Wahrlich bewundernswert! Platz in Shanghai ist eine Rarität, der Bedarf daran aber grenzenlos. Von daher fahren die Autos nicht nur wild durcheinander, sondern auch übereinander. Jetzt nicht wörtlich, obwohl es mich nicht wundern würde, sondern mittels Hochstraßen, die teilweise 4-stöckig sind. Schon sehr skurril, wenn man aus dem Auto problemlos in die Fenster im 8ten Stock eines angrenzenden Hochhauses gucken kann. Fehlt nur noch die Parkebene in dem Stockwerk mit direkter Schnellstraßenanbindung. Aber was nicht ist kann ja noch werden.
„Let´s have lunch in a very famous Hot Pot Restaurant!“ Ok, warum nicht, was es auch immer sein mag. Die erste Schwierigkeit war, herauszufinden ob die Abfahrt in die Tiefgarage die Einfahrt oder Ausfahrt ist. Nach einem kurzen Moment des Zögerns und einem Hupkonzert im Nacken ist er dann einfach mal runter gefahren. Schien doch die richtige Wahl gewesen zu sein. Kaum unten ging es auch schon wieder rauf in den 8ten Stock (Hab ich vielleicht sogar hier reingeguckt?). Mich erwartete ein modernes, in rot und schwarz gehaltenes Restaurant, und am Eingang ein riesiges Aquarium mit einem Hai drin. Na, sollte das meine erste Haifischflossensuppe werden? Meine treuen Begleiter suchten auf einer Speisekarte, die eher einem Bingo-Spielzettel glich, irgendwelche Sachen aus. Das Ganze ähnelt sehr unserem Fondue. Zunächst sucht man sich eine Brühe aus und dann die Zutaten, die man darin garen will. Das besondere in diesem Restaurant war, dass jeder seinen eigenen Pot bekommt. Wegen der Hygiene wurde mir gesagt. Und dann ging es los. Es gab: eine Art Schweinehackbällchen, Garnelen am Spieß, gefrorener Lammschinken, Löffel mit diversen Farcen, Drumstick Pilze, roher Thunfisch, Rindfleisch, Salatblätter, Muscheln, etc. Ich wurde wohl bei vorherigen Essen beobachtet und daher bestellten sie mir noch ein kleines Schälchen mit roten Chilischoten. Und ich habe immer gedacht die Chinesen würden scharf essen, aber ich wurde nur ganz entsetzt angeguckt, als ich mir die Chilis genüsslich in den Mund schob.
Lasset die Spiele beginnen. Diesmal guckte ich etwas verwirrt, als die Salatblätter der Größe einer Sonntagszeitung am Stück in den Pötten versenkt wurden. „Wir mögen unser Gemüse lieber gekocht.“ bekam ich als Antwort. Das Essen der Garnelen ähnelt dem Zuzeln von Weißwürsten. Diese possierlichen Tierchen verschwinden mit Panzer und Beinchen im Mund und werden mit einer Methode, die mir schleierhaft ist, aus ihrem Pelz befreit. Der wird dann nach und nach wieder mit einem dezenten „pft.... pffft“ auf den Teller befördert. Ich habe mich dann mal erkundigt, ob es auch möglich, ist die nach europäischer Manier zu essen.
Nach diesem außerordentlich amüsanten Mittagessen sind wir dann weitergefahren , zur Hauptattraktion in Pudong. Der Bund. Als Bund wird die Uferpromenade am Huangpu Fluss bezeichnet. Direkt daran angrenzend steht der Oriental Pearl TV Tower und auch das World Financial Center ist gut zu sehen. Schon ein beeindruckendes Erlebnis. Plötzlich sieht man auch wieder europäische Gesichter, was in meinem Bezirk eher die Ausnahme ist.
Zum Abschluss haben wir dann noch einer U-Bahn Station am Science & Technology Museum einen Besuch abgestattet. Ich denke die U-Bahn Station an sich war eher unspektakulär. Umwerfend waren die Unmengen an kleinen Shops, in denen man die Dinge kaufen kann, für die China „bekannt“ ist. Die Verkäufer wuseln von Laden zu Laden, alles scheint einem zu gehören, aber auch wieder nicht. Man kann es nicht beschreiben, das muss man erlebt haben.
21. September 2008
Es war Sonntag und auch in China hat man frei. Und das sich alle mütterlich um mich kümmern wurde ich auch diesmal eingeladen, den Tag mit meinen Arbeitskollegen zu verbringen. Und da ich mich noch nicht traute, mich weiter von meinem Hotel weg zu bewegen, als mich meine Füße tragen können, nahm ich die Einladung gerne an. Wenn ich schon mal hier bin, will ich auch so viel wie möglich von diesem Land sehen. Klar, ich könnte ja auch selber mal ein Taxi bestellen . Das wäre dann wie die Reise von Kolumbus. Ich will ins Einkaufscenter und lande auf dem Gemüsemarkt von Zhejiang. Ein beliebtes Spielchen mit Touris ist wohl auch, erst einmal 5mal um den Block zu fahren, obwohl das Ziel zwei Straßen weiter liegt. Es würde bei diesen Preisen nicht weiter ins Gewicht fallen, aber die Jungs fahren auch los, wenn sie den Weg gar nicht kennen. Eine weitere Option sich hier günstig fort zu bewegen sind die blauen Elektro-Fahrrad-Rikschas. Es gibt sie zu Hunderten und als "Weißnase" wird man fast in diese Gerätschaften hinein gezogen. Oder man bevorzugt die Variante mit Körperkontakt und setzt sich bei einem Mopedfahrer hinten drauf. Das ist aber nur was für Menschen, die meinen schon alles im Leben gesehen und erreicht zu haben und nur noch eine Nahtoderfahrung "erleben" wollen. Für Einheimische aber ein alltäglicher Vorgang und auch völlig schmerzfrei. Quer zur Fahrtrichtung, die Beine lässig herunterbaumelt, lassen sie sich mit artistisch anhauchenden Fahrmanövern durch die Gegend kutschieren. Aber nicht ohne nebenbei noch die vielleicht letzten SMS ins Handy zu tippen.
Aber zurück zum Sonntagsausflug. Was macht ein Mann im besten Alter am Sonntagmorgen ? Na klar, man geht in ein Internetcafé und zockt eine Runde Couter Strike. Da sag ich natürlich nicht "Nein". In der Spielhölle schlafen noch die letzten Überbleibsel von der durchgezockten Nacht. Irgendwie habe ich es auch geschafft mich durch das chinesische Windows zum Spiel durch zu hangeln. Hoch konzentriert, im Spielgeschehen vertieft, bemerke ich aus dem Augenwinkel, wie meine "Shift"-Taste meint abhauen zu müssen. Beim näheren Hinsehen war ich aber beruhigt. Es war nicht meine "Ducken"-Taste, ohne die ich natürlich verloren gewesen wäre, sondern nur ein Panzertierchen, welche auch öfter mal in Hotelzimmern beliebter Reiseziele zu finden sind. Ich hatte aber keine Zeit, um mit ihr weiter in Kontakt zu treten, also habe ich sie mit einem beherzen Schnipser zu meinem Nachbarn befördert.
Nach 3 Stunden der Sünde war Zeit, um Buße zu tun. Also stand jetzt ein Tempelbesuch auf dem Tagesplan. Auch dies war ein Erlebnis, was man schlecht mit Worten beschreiben kann. Sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube es war ein buddhistischer Tempel.

Die Mönche trugen zumindest die typischen orangen Gewänder. Atemberaubend waren die Räume unter der Tempelanlage. Es glich dem Schließfachtrakt der "Royal Bank of Scotland" (so stelle ich ihn mir zumindest vor). Riesige Räume, deren Wände, bis unter die Decke, aus unzähligen kleinen Fächern bestand, in denen eine kleine goldene Buddha(?)-figur und eine Kerze in Form einer Seerose stand. Wie mir daraufhin erzählt wurde, ist dies die Möglichkeit der Verstorbenen zu gedenken, da es aus Platzgründen wohl nur wenige Friedhöfe gibt.
Zum Abschluss des Tages stand natürlich auch noch ein Abendessen an. Auch ein wenig ratlos suchten die Jungs eine passende mach-mich-satt-Anstalt. Zögerlich betraten sie eine Lokalität, in die, wenn ich die Wahl gehabt hätte, nicht gegangen wäre. Als mir dann mit einem Lächeln gesteckt wurde "Wir waren hier auch noch nie.", war ich ein wenig nervös. Im Laufe meiner Kochkarriere habe ich ein gewisses Gespühr entwickelt, was dann einen kleinen Koch mit rauchenden Ohren auf meine Schulter zaubert und mir ins Ohr schreit: "Lass es! Du solltest es besser wissen." Aber ich bin Gast, also höre ich mal weg. Nicht wie in Deutschland bekommt jeder eine Karte und sucht sich sein zu verteidigendes Essen aus. Hier ist es üblich, dass einer für alle auswählt. Dies geschieht öfter mal in einer länger andauernden Prozedur, bei der mit der Kellnerin heftig (ich nenne es mal) Konversation betrieben wird. Nach kurzer Zeit kam sie dann auch mit einer kochend heißen Platte wieder, auf der irgend etwas brutzelte. "It´s a kind of snake." Na ja, muss wohl ne Babyschlange gewesen sein, den Stückchen nach zu urteilen. Des weiteren: kaltes Hühnchen, feurig marinierte Gurke, eine Art blanchierter Mangold, ein Riesenchip aus gebratenen Maiskörnern, die von einem Gitter aus knusprigem Teig zusammen gehalten wurden, Muschel-Eierstich, kleine panierte Schweinefleischstückchen und braune Nudeln. Und was natürlich nicht fehlen darf, wenn ein Deutscher zu Gast ist: Tsingtao Bier. Wir haben hier den Ruf der Bier trinkenden und Würstchen essenden Nation. Nochmal den kleinen Koch ruhig gestellt und einfach mitmachen. Der Knaller war dieser Maischip! Auch die anderen Köstlichkeiten waren besser als ich befürchtet habe. Dennoch hatte sich mein kleiner Koch nicht geirrt, denn als wir fertig waren kam der richtige Koch... . Alles war super, ich war gesättigt, hatte keinerlei Probleme also ein rundum gelungener Tag!
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